Seit Ende Januar stehe ich unter Strom. Sehr vieles passiert gleichzeitig, leider nur im Arbeitsalltag. Aber es klappt. Ich funktioniere ausgezeichnet und ehrlich gesagt, macht einiges davon ja auch Spaß. Allerdings hat sich die Lage dermaßen zugespitzt, dass es stressmäßig schon wieder grenzwertig war und ich aber alles (professionell) ausgeblendet habe und weiter funktioniere. Anfang März gab es dann DAS Event in meinem Job: eine Hausmesse des Händlers für den ich tätig bin, die erste nach Corona und zudem in Berlin. Da unsere Standbesetzung rasant gekürzt wurde, ich die einzige Muttersprachlerin bin und somit Expertin, kam da einiges zusätzlich auf mich zu. Das mein alleiniger Kollege in meinem Gebiet noch einer Pflichtveranstaltung beiwohnen musste, drei Tage vor diesem Happening, schoss dem Fass den Boden vollkommen weg. Ich also alleine, wie Hemi bei „Ab durch die Hecke“.
Nebenbei, als eigentliche Hauptaufgabe bereite ich nämlich im Vorstadium der Messe alleine die Sensationsaktion unserer Firma vor, werde ich permanent mit Zusatzaufgaben beladen: Kannst du für die Kinder am Wochenende noch Überraschungseier besorgen? Kannst du für unser Fassadenexponat noch die Bepflanzung organisieren? Kannst du noch, könntest du noch….? Arghhhhhhh!!!
Weil ich halt so bin, wie ich bin organisiere ich den anreisenden Kollegen und mir noch ein Restaurant in Laufnähe ihres Hotels am Vorabend nach dem Aufbau, dessen ich leider erst am folgenden Tag innewohne- und fahre vom Wedding natürlich nach 13 Stunden kompletter Angespanntheit heraus aus der gemütlichen Italieneratmosphäre noch nach Hause und bin zumindest nicht komplett am Arsch, denn 25 Minuten Heimfahrt belohnen mich sonderbarer Weise mit einem Parkplatz vor der Tür. „Gloria!“
Da ich aufgrund der brisanten Parkplatzsituation am Messegelände am Vorabend schon meine Kollegen im Auto hatte, damit diese sich nicht, wie alle (über 50 Aussteller) einen morgendlichen Wolf suchen, zumal im spooky Berlin, diese nun gemütlich mit Taxi anreisen, sitze ich am nächsten Morgen schon um 6:45 Uhr im Auto, um zumindest eine Chance zu haben; offizieller Beginn der Chose ist 9 Uhr. Wegen des BVG- Streiks gleichen die Straßen in Berlin der Szene in Falling Down, Stoßstange an Stoßstange…genau mein Ding. Bin um 7:30 Uhr da und „Gloria!“ finde auch Platz für’s Gefährt, ohne meinen Schrittzähler am frühen Morgen schon zu überfordern. Es ist kalt, 2 Grad oder so und vor den verschlossenen Türen des Messegeländes stapeln sich die Aussteller. Schnell wird klar, dass die Eventagentur es als ausführendes Organ des Veranstalters es mit dem Einlass Ernst meint. Frierend und leicht verärgert betreten wir um 8:30 Uhr die heiligen Wilhelmhallen.
Stress, Hektik und weiß der Geier was alles sind ab Standbetreten erstmal passé, die Aufregung ist größer als der Rest. Außer bei mir: ich mach mir seit letzter Nacht förmlich in die Hose, denn ich habe ab 11 Uhr einen Auftritt im sogenannten Anwenderforum. Bislang blieb die Panikattacke aus, das bedeutet aber nicht, dass sie noch kommt. Denn: wenn ich etwas partout nicht kann, ist es auf Abruf vor Leuten sprechen, Dinge tun usw… Ich habe damals, als ich herausgefunden habe, was bei mir los war, schon in der Oberstufe Leute überredet nach Hause zu gehen, damit bei meinem Referat so wenig wie möglich anwesend sind; hat häufig super geklappt. Diese Angst hat sich über die Jahre so extrem entwickelt, dass ich bei einer lockeren Best- of- the- year- Zusammenfassung beim Handel vor 10 Jahren so runter mit dem Kreislauf war, dass ich kurz vor einer Ohnmacht stand und raus musste und auch nicht wieder den Raum betreten konnte. Verrückt irgendwie.
Also kaue ich ab 10:30 Uhr extrem Kaugummi, um sicherzustellen, dass ich nicht die Wüste Gobi im Mund habe, wenn ich dran bin. Irgendwie schaffe ich es, alles aus zu blenden und überlebe tatsächlich diesen Auftritt, der immerhin 20 Minuten lang ist, bzw. war- wieder ein 8000er Berg vom Herzen gefallen!!!
Die Kunden sind nunmehr in Scharen eingetroffen und bis 17 Uhr bekommt man echt nicht mit, wie die Zeit überhaupt vorüber gegangen ist. Die meisten meiner Kollegen nehmen ein Sammeltaxi aber ich, die noch einchecken muss, bin quasi die Reiseleiterin der übrig gebliebenen Mannschaft, inclusive Chef, die zur S-Bahn geleitet und durch’s wilde Berlin begleitet. Ich musste ernsthaft Kollegen überzeugen, dass ihr Wagen am nächsten Tag auch noch da stehen wird, nicht abgefackelt wird- schließlich sind wir nicht in Kreuzberg und den 1. Mai haben wir auch nicht. Puhhhh…Mit der S-Bahn am Gesundbrunnen zu landen ist dann auch für mich kurzzeitig eine Überforderung- bin’s halt nicht gewohnt. Alle sicher ins Hotel verfrachtet, selbst eingecheckt, im Blitzmodus für die anstehende Abendveranstaltung im Kühlhaus umgezogen und Taxi zur Abfahrt nach Mitte organisiert: CHECK! Im Taxi schlafe ich fast ein, die Strecke verlangt aber City- Guide- Charakter meiner selbst ab und so gebe ich schlaftrunkend Laute von mir, wo wir gerade vermeintlich sind und bin heilfroh als wir am Ziel angekommen sind. Ich bestelle umgehend eine Rückfahrt zeitnah am Abend, denn nicht nur der heutige Tag war ausschließlich vom Stehen und mit Nicht- Sitzen geprägt, dieser Abend ist es auch und morgen geht die ganze Veranstaltung noch eine Stunde länger. Just saying. I am Fuß.
Hey, ho! Nix wie rein ins Gedränge denken wir uns und schon am Eingang werde ich von einem Kunden abgefangen, der hackedicht ist und ich einfach durch meine Fertigness nicht schnell genug reagiere, plötzlich gefangen bin im normalen Wahnsinn. Eine halbe Stunde später finde ich meine Truppe und H. und ich machen ’ne Runde- schließlich ist das hier unser Heimspiel! Es gibt drei Gallerien zu erklimmen und ab der zweiten höre ich auf meinen Namen nicht mehr und sehe nur noch eine konforme Masse, keine Gesichter mehr, bin maßlos überfordert. H. reicht mir erneut ein Bier aber das schmeckt einfach nicht und ich reiche es in die Masse. Ganz oben angekommen treffen wir auf einen illustren Kreis, in deren Mitte unser Oberhäuptling sitzt, samt Gattin. Sitzen!!! Wir besorgen allen um uns herum Getränke und ich lasse mich tatsächlich kurz nieder. Todesfehler, stelle ich fest.
Culcha Candela spielt und es ist nicht nur unsagbar laut, sondern auch brachial warm, Frischluft gibt es nur beim Rauchen unten. Irgendwann sagt jemand, dass H. ins Hotel will und ich checke die Zeit auf meinem Handy und denke: watt’n Glück! Genau kurz vor unserer Deadline und sammle alle Willigen ein und wir steigen ins Taxi zum Hotel. Gehe sofort rauf ins Zimmer und stelle mit Entsetzen fest, dass ich zwar eine Kaffeemaschine auf dem Zimmer habe aber keinen Kaffee. Echt blöd. Rufe H. an, denn der ist über die Treppe nur drei Stockwerke unter meinem Zimmer und ich mach mich auf den Weg zu ihm. Bin schon in Schlafschluppe (rote Adidas Hose, pinkes Dolly Parton- Shirt und selbstgestrickte Socken von Mama) und düse links von meinem Zimmer gleich die Treppe runter ins 1. EG. Nur komme ich nicht wieder rein, scheint nur ein Notausgang zu sein; denn egal in welchem Gang oder Geschoss ich mich befinde, es sieht komplett anders aus als in unserem Hotel. Ich rufe H. an, der auch keinen Plan hat. Ich rufe den Fahrstuhl und ein mega aufgestrapstes Paar steigt zu, aber es geht abwärts- raus komme ich ja wohl. Komme ich auch. Ich bin plötzlich im Nebenhotel und durchquere eine sehr pinke Lobby, springe durch eine Drehtür und renne die 50 Meter auf Socken zu uns rüber, treffe leider noch Nachzügler von uns in der Lobby und verschwinde mit den Worten: alles gut, macht euch keine Sorgen! im Fahrstuhl. Klopfe bei H. und erhalte meinen Kaffe für den Morgen und verschwinde in meinem Zimmer, wo ich ein wenig verunsichert, ob der Dinge, die gerade passiert sind, sehr schnell in den Schlaf komme. What a day!
Samstag, 2.3., 6:45 Uhr: der Wecker klingelt und ich bin echt einigermaßen erholt. Fast 7 Stunden reichen ja auch aus, mal sehen wie lange. Frühstück gibt es unfassbar reichhaltig und siehe da, ich bin weder erste unten, noch letzte. Verknautschte Kollegengesichter blicken noch unscharf durch den Raum und ich Frage, ob wir nach dem Auschecken wirklich wieder S-Bahn fahren müssen. Vehementes Verneinungsnicken bekräftigt meine eh schon rhetorische Frage und ich genieße erstmal die Ruhe vor dem Sturm. Reisegruppe Stefka schlupft in die Taxen und wir sind gespannt, was dieser Tag so bringen wird und feixen uns einen über die Stories, die der Rest gestern noch erlebt hat. Messe- Alltag.
Es ist 8 Uhr und wir dürfen tatsächlich gleich auf’s Gelände. Der Weg zum Stand führt an vielen müden Menschen vorbei aber wir sind Profis und lassen uns nichts anmerken! Shakka! Die Restenergie meiner Reservebatterien sind aktiviert und ich gebe alles, um mich der heimlich, immer wieder anklopfenden Stop- jetzt- mal-endlich!- Stimme zu wieder widersetzen. Gelingt. Da heute ein Wochenendtag ist, dauert es- auch wegen der vorabendlichen Veranstaltung, bis die Kunden den Weg hierher finden und nach dem dritten Kaffee beschließe ich mich umher zu treiben und besuche bekannte Industriepartner, die sich genau wie ich fühlen und um jede Ablenkung dankbar sind. Bis auf einmal der Familientag eröffnet scheint und tummelnde Gruppen mit sehr vielen Kindern die Hallen stürmen. Jippieh! Ich bin ab sofort aktive Ü- Eier- Verschenkerin und gehe förmlich darin auf, bis tatsächlich wichtige Kunden nach einem Gespräch fragen und ich so dann aber auch sinnvoll beschäftigt bin. Schwuppdiwupp ist es 15 Uhr und es leert sich das ganze hier. Die komplette Führungsriege verabschiedet sich und wir Verbliebenen halten den Motor am Laufen, professionell halt.
Es dauert nicht lange und die Bekanntgabe, dass der offizielle Abbautermin von 18 auf 16:30 vorverlegt wird folgt und ab da ist es wie verhext: Kunden ohne Ende, natürlich Berliner, belagern uns und die Zeit vergeht im Tip-top- Schritt.
Ich kürze mal ab, sorry für diese ausführliche Wiedergabe! 🤪
Ratzfatz sind wir dabei unserem Stand den Erdboden gleich zu machen und jeder nimmt sich das mit, was er für nötig hält. Keine Stunde später sind wir raus- 17:30- ursprünglich war 20 Uhr anvisiert, also ein unfassbares Geschenk an Zeit und somit an uns. Ich bin tatsächlich kurz nach 18 Uhr Zuhause und Erik ist auch erfreut. Bis er mitbekommt, dass ich mehr als im Arsch bin und eigentlich beim letzten Bissen meines Snacks schon instant eingeschlafen bin.
Ich kann auch am Sonntag nicht wirklich Aktivität zu meiner Lifetime hinzufügen.
Montag geht’s natürlich gleich wieder richtig los, neues Aktionsmaterial gilt es zu verteilen. Ich lade derweil auch noch mein Auto voll, denn ab Mittwoch Morgen bin ich auf dem Weg zu einem Kreativ- Workshop nach Erfurt bis Freitag unterwegs. Business as usual halt. Dienstag früh denke ich, mich trifft der Gesundheitsschlag: Kopf, Nase, Körper… kein Wunder bei dem Gedränge am Wochenende. Me: Workshop nicht absagbar, da kein Kollegenschwein, sondern Ja! zu Wick DayNight! Jep, und so bin ich frisch gedopt am Dienstag Abend mit einer Freundin auf ’nem Konzert im Metropol; DENN wenn ich mich schon zum Arbeiten zwinge und aufbruzzel, kann ich auch nochmal Spaß haben, oder was???
Mittwoch früh kommt eher, als mir lieb ist und ich sitze im Auto Richtung Thüringen. Feini. Bin über eine Stunde eher als mein Kollege da und fange natürlich schonmal an, den Ort des Kurses herzurichten, allerdings schon langsamer als üblich. Er trifft ein und weiß um meine körperliche Verfassung und ignoriert es glaube ich. Keine Ahnung, ich fühl mich elend und will ins Hotel; wenn auch nur kurz, denn ab 18 Uhr treffen wir uns mit den einzigen zwei Kunden, die nicht am ersten Kurstag erst abreisen, um Essen zu gehen. Yeah!
Die F- Brothers sind 21 und 17 und als wir im Restaurant eintrudeln überkommt mich das Gefühl, dass es wie ein Familienessen wirken muss und ich beschließe einfach konsequent den Abend vorüber ziehen zu lassen und schmunzel in mich rein, beim Ingwer- Limonen – Eistee, während der Rest schon auf Gin Tonic umgestiegen ist. Um 22 Uhr liege im Bett und hoffe, dass es morgen besser läuft.Tut es, denn diese Tablettenkombi zaubert mir heute die Sonne aus dem Arsch ins Gesicht und ich schwebe förmlich durch den Kurs, bespaße die Teilnehmer und bin aus Überzeugung die Maren Giltzer des Workshops!
18 Uhr wieder in der Hotelbar- erste Runde geht auf mich, diesmal in voller Runde, dann ab ins Restaurant. Da auch hier nur ich als Ansprechpartner angegeben wurde, bin ich echt buisy mit Taxen und dem ganzen anderen Scheiß. Kurz nach 22 Uhr sind wir am Hotel und alle gehen noch in die Bar, ich verabschiede mich bis zum Frühstück und schmeiße mich in die glücklicherweise bequeme Falle.
Freitag, 15.3. 6:45: es gibt noch viel vorzubereiten und deswegen bin ich zu 8 Uhr schon im Werk und deswegen frühestmöglich unten und am Auschecken. Fuck, ich wusste gar nicht, dass ich hier ein Buch schreibe! Also jetzt schonmal danke für’s Durchhalten und lesen! 🙏
Chaos am Morgen vertreibt Kopf und Ganzkörper! Alles geht schief und ich deixel die Sachen irgendwie dann doch. Mein Kollege hat derweil die Ruhe selbst und ich bin echt langsam angepisst auf soviel Unachtsamkeit und beschließe ihn heute das meiste zu machen. Geht nicht so gut, also, zum Wohl des Kunden, Engagement wie gewohnt. Ich werde mehrfach gefragt, warum ich nicht einfach nach Hause fahre, da es so omnioffensichtlich ist, wie es mir geht, aber ich verneine. Zum Schluss des Kurses, nach dem Essen, wird es nochmals ungemütlich, Stress ist plötzlich zentraler Mittelpunkt des Geschehens. Kommunikationsfehler führen zum turbulenten Ende des Ganzen und meine geplante Verabschiedung mit Zertifikatsaustellung fällt völlig flach. 2 Stunden später sitze ich aber schon im Auto, es ist 15 Uhr und sage dem Navy, das es mich nach Hause bringen soll. 3 Stunden dauert die Fahrt und ich gebe trotz Zustand und Müdigkeit mächtig Gas, bis vor Dessau plötzlich eine Vollsperrung um die Ecke ( Kurve) kommt und aus 120 km von 70 Minuten 2 1/2 Stunden werden. Ich flipp aus, ernsthaft! Karma ist ein Arschloch und sowieso…
Erik wirft mir mitleidig Blicke zu als ich irgendwann die Hütte betrete und ich lache nur, weil ich das alles echt nicht fassen kann!
So, fast geschafft und hier nochmal als Reminder: Heldin der Arbeit heißt der Beitrag.
Dienstag hatte ich mit wochenlangem Vorstress verbunden mein Jahresgespräch via Teams. Auf die Frage, wie es mir geht hab ich erst nicht geantwortet und dann aber doch gesagt, dass er mich doch nur mal genauer anschauen sollte. Warum ich nicht einfach mal einen Tag Zuhause bliebe. Weil ich bis dato keine Zeit hatte ist meine Antwort, die grinsend bestätigt wird, da man dazu ja eh nie Zeit habe. Ich nicke. Nach einer ganzen Weile verlasse ich das Gespräch und bin nicht nur brainfucked sondern auch ernsthaft am Überlegen, wann ich denn mal eine Auszeit nehmen könnte: Freitag passt.
Nun, es ist Freitag. Ich bin alles andere als erholter, denn ich habe nichts zu tun und der Körper schreit erstmals seit langem auf, dass das jetzt aber auch echt mehr als nötig ist. Jep, haste Recht! Ich sage sogar das von mir voller Freude anstehende Underworld – Konzert heute Abend ab und kann nicht fassen, wie fertig ich bin. Die, die die Heldin der Arbeit ist- ohne Dank und Orden am Ende des Jahres. Eine Bekloppte halt. Schönes Wochenende euch allen und don’t do that‘!!!