Einfach mal die Perspektive ändern!

Gestern war ein sowas von herausragend schöner Tag, dass es mir glatt wie Seelenbalsam vor kam. Und so war ich am Ende des Tages tatsächlich beseelt von der klitzekleinen Auszeit, die sich mir bot, verabredeter Weise in diesem Fall, was den Wert der Erholung nicht im geringsten schmälert. Gestern nämlich war ich mit N. verabredet. Sie ist wie ich und deswegen aber auch anders als die meisten, die ich kenne, auf Monate terminiert und so haben wir – glaube ich – im März diesen Termin fixiert, nur um sicher zu stellen, dass wir uns auch wirklich sehen. Verrückt! Der Nachteil daran ist, dass man nie weiß, was aktuell, in der Zukunft bei Vereinbarung, gerade los ist und so sitze ich gestern nach einer ultra- stressigen und anstrengenden Woche gegen 13:30 Uhr Zuhause und bin permanent in Dauertelefonie und warte auf das Zeichen von N., die auch keine konkrete Uhrzeit unseres Treffens benennen kann, denn sie ist in einem Webinar- vorraussichtliches Ende variabel. Da ich aber auch nur Telefonate führe, um fest zu stellen, dass in dieser kurzen Zeit schon wieder drei andere meine Nummer gewählt haben, vergesse auch ich die Zeit. Aber ZACK! kommt der Anruf, dass sie jetzt fertig sei, ihren Kaffee noch aus trinkt, selbst fast der Couch den Vorzug geben könnte und dann aber abholbereit ist. Ich erwidere, dass ich mir auch grade die Faust ins Gesicht schlage via Konkret- Koffein und sage, dass ich mich bald auf den Weg machen werde. Die Freude beiderseits ist riesig, sehen wir uns per se viel zu selten…und schlafen kann man ja auch echt später! Schwuppdiwupp bin ich bei ihr und sie kommt runter und sagt, dass sie echt aufgeregt ist, denn: wir werden zusammen mit dem Boot raus fahren und es ist das allererste Mal, dass sie alleinige Kapitänin ist! Mir bricht das Herz vor Stolz, das ich es bin, mit der sie ihre Jungfernfahrt begeht. Wow! Jetzt bin auch ich aufgeregt, kann es aber verbergen; zu wichtig gleich als Assistenz da zu sein und alles richtig zu machen!

Richtung Ballhaus, so die Order und dann stehen wir vor dem Boot, es ist eine Sie- die Escape. Der Name ist Programm, denn auf ihr flieht man justamente aus dem Alltag und ist entschleunigt. Einfach toll, eigentlich unbezahlbar. Ich kenne das von unserem Wohnmobil: die ganzen Vorgänge, die ersteinmal absolviert werden müssen, um dann starten zu können. Eine immerwährende Herausforderung, die letztendlich zum Permanent- Entstresser führt, da Timewarp- gleich um Welten entspannter und easy beasy- artig durch die Welt zu fliegen. Also kein Problem. Naja. Erste Hürde ist das Ausparken vom Liegeplatz; ich bin mega aufgeregt, denn ich stehe vorne um sicher zu stellen, dass wir nirgends gegen kommen und bin abrupt tiefenentspannt, denn anstatt den Weg hinaus, wie vorgegeben, fahren wir ziemlich fonzig einfach rückwärts raus und there we go!

Klein Venedig, optisch dem Auenland gleich, lässt mich (ich bin natürlich wesentlich entspannter als meine frisch gebackene Kapitänin) umgehend in Urlaubsstimmung verfallen und sehr schnell danach ist auch N. komplett relaxed, denn so einfach hat sie es sich auch nicht vorgestellt! Es ist ein Traum auf dem Wasser- nicht lautlos, aber groovy, gleiten wir unter der Stößensee- Brücke, vorbei an diversen Marinas Richtung Wannsee. Ab jetzt geht bei mir der innere Kompass- Punk ab. Ach, das ist da? Hähhh? Hier sind wir gerade? Die Perspektive vom Wasser aus ist echt faszinierend, ein komplett neues Bild wird im Kopf erschaffen und fügt sich mit dem, was an geografischem Input vorhanden ist, zu einem Ganzen. Ich fühle mich an meine wilde Jugendzeit erinnert, wo man mit Bus und dann erweitert, die Stadt per U-Bahn durchquert hat. Bezirke als solches haben eigentlich nicht interessiert, nur die Tatsache, dass man gegen 20 Uhr am Zoo sein musste (aus Lichterfelde in meinem Fall) waren von Bedeutung und ließen einen teilweise gestresst daher kommen, da die Anreise mit diversen Umsteigelocations einher gingen. Sicherlich wußte man, dass man Steglitz, Wilmersdorf und Charlottenburg, oftmals auch Schöneberg und Kreuzberg durchquerte aber man kannte eben diese nur durch U-Bahn- Ausgänge und den direkten Wegen zu verabredeten Orten, meist Clubs, Bars oder Kneipen.

Und dann kam das Auto. Es war wie eine Offenbarung in der Mutterstadt und gewährte Einblicke in die Bezirkszusammenhänge, wie es jedem nur einmal passiert; Zusammenhänge erkennen ist schon grandios! Plötzlich waren auf ewig gefahrene 7 U-Bahn- Stationen nur einen Augenschlag voneinander entfernt und man lernte die Stadt aus einer komplett anderen Perspektive kennen. Eine unfassbar aufregende Zeit. Und genau so habe ich mich gestern gefühlt. Wie mit kindlicher Naivität habe ich beim Vorbeifahren gecheckt, dass alles so unfassbar dicht zusammen liegt (und hey, wir waren noch nichtmal bis Kladow runter!!!), dass ich diesen, den Wasserweg, als erneute Offenbarung erlebt habe. Echt richtig cool!

Ich muss echt an eines meiner ersten Buserlebnisse denken, ich war noch echt jung, 9 glaube ich. Meine Mutter ist die Strecke von uns bis zu meinem ersten Gitarrenunterricht bestimmt 2-3 Mal mit mir abgefahren, damit ich es mir auch wirklich einpräge. Was dann am ersten Alleinerlebnis passiert ist, war auch so ein Ding, was zumindest in meinem Kopf, eingebrannt ist unter dem Motto: Orientierung ist alles! Ich bin also los mit meiner Gitarre zum damaligen Bus, der nur 6 oder 7 Stationen später die Ankunft bedeutet hat, Roonstraße glaube ich. Es war Winter und um 18 Uhr schon dunkel und ich so aufgeregt, dass ich mich verzählt hatte und eine zu früh ( oder zu spät, ich weiß es nicht mehr) ausgestiegen bin. Ich hatte null Orientierung und die Straßennamen kannte ich nicht, schließlich war dies die große weite Welt, in der ich mich als junge Knirpsin bewegte. Also bin ich in die mir einzig richtige Richtung gelaufen und war lost. Irgendwie habe ich offenbar schon immer keine Scheu gehabt, zumindest siegte nicht die Angst, und so fragte ich eine Frau an ihrem Auto stehend, wo denn Adresse X sei. Heulte, glaube ich auch, ein wenig, berechtigt finde ich. Sie und ihr Begleiter wussten nicht, wohin ich will und schlugen mir vor, mich nach Hause zu fahren. Ich wollte erst nicht, denn dann würde ja heraus kommen, dass ich nicht beim Gitarrenunterricht war, habe dann aber verzweifelt ja gesagt und wurde umgehend nach Hause bugsiert. Natürlich bin ich alleine ausgestiegen und nach oben in die Wohnung, denn ich hatte ja eigentlich schon zuviel erwartet mit dem Shuttle. Aufgeregt hab ich alles in wasserfallartiger Geschwindigkeit meiner Mama erzählt, die daraufhin alles war, nur nicht stolz auf meine Aktion. Ganz im Gegenteil, sie war stinkesauer und hat mich echt rund gemacht. Aber, aber, aber hat gar nichts bewirkt. Selbst die Aussage, dass ich es einfach nicht gefunden habe machte es nicht besser. Konnte ich nicht verstehen damals. Aber wir haben die Fahrstrecke auch nicht im Dunkeln geübt, deswegen hatte ich keine Orientierung und dies erinnerte mich an das vorher Geschriebene. Fakt ist, ich habe danach noch ganze zwei Mal den Rat nicht befolgt bei fremden Menschen mit zu fahren, war allerdings wesentlich älter und hatte auch in beiden Fällen Glück, mehr als Verstand offensichtlich!

Wir schippern alsdann vor uns hin und versuchen die vereinzelten Sonnenstrahlen ein zu fangen und plaudern so vor uns hin, da wir uns ja auch echt viel zu erzählen haben und sind gleichermaßen im Kurzurlaub. Irgendwann am Anfang habe ich mal nach Vorfahrtsregeln im Wasser-Verkehr und sonstiger Auflagen gefragt- denn der Wind treibt die umliegenden Segler recht schnell über das glitzernde Nass. Während wir so quatschen, erblicke ich- wie aus dem Nichts- einen dieser flinken Segelbootler und erwähne dies kurz und N., die immer adleraugesgleich die Lage checkt, ist genau so verblüfft wie ich, wo denn dieses Boot so plötzlich her kommt. Da unser Motor gerade pausiert, sind wir furchtbar dankbar, dass der Wind ihn pfeilesschnell an uns vorbei preschen lässt- wir jedoch beschließen, den Heimweg an zu treten, denn es ist offenbar offiziell Feierabend und alles, was ein Boot besitzt, beschließt nun aufs Wasser zu gehen. Stau quasi. Wir waren die Happy – Ones, die vor der Masse unterwegs waren und beenden diesen wunderbaren Tag indem wir genüsslich Richtung Liegestelle schippern. Natürlich nicht ohne der anfänglichen Stresssituation gleich der Abschlussstresssituation (viele S!!!) entgegen zu fahren. Die Escape muss schließlich vorwärts wieder in den Ruhezustand gebracht werden. Aufgeregt bin erst wieder nachdem N. mir erzählt, wie aufgeregt sie ist und erschwerend kommt hinzu, dass wir beide so übelst aufs Klo müssen, dass es an der Konzentration nagt. But hey! Selbst einen Kanuten, der uns entgegen kommt, fast in der Endphase, kann uns nicht aus der Ruhe bringen; ich hüpfe schon längst an vorderster Front rum und warte auf Befehle von N. . Wie durch Butter gleiten wir in die Parklücke, nur ein kurzes links anstupsen, hindert uns am perfekten Landen. Stolz wie Bolle, ich natürlich 1000Mal stolzer auf sie, die dies zum allerersten Mal hin rockt, liegen wir mit dem Boot in Ausgangslage und feiern diesen Moment in vollen Zügen, N. hat eigens dafür den letzten Schluck ihres alkoholfreien Coronas aufgehoben, ich war da leider nicht so emotionsgeladen…oder einfach durstiger. Egal, das Boot wird nach Pipi- Kacka- Land- Besuch (so der Name der Toilette an Land) bettfertig gemacht und danach schlurfen wir komplett erholungsgestärkt zu meinem Wagen, der uns wieder in die Realität fährt.

Ich habe mich sofort als “ erste ohne Vordrängeln“ für die nächste Sause angemeldet, denn diese Momente sind mit Geld einfach nicht zu bezahlen und am Ende bekommt man noch gleich einen anderen Blickwinkel auf das scheinbar Alltägliche geboten, nicht zu fassen, das ganze! So viel wie möglich davon sollte man so oft wie möglich haben, denn alles andere ist bekannt und nicht vergleichbar mit dem Escape- Erlebnis, umsetzbar auf alle Momente, die einen glücklich machen!

Veröffentlicht von stefkasays

Ich wollte schon immer schreiben. Über die kleinen Dinge im Leben, die einen manchmal an den Rand des Wahnsinns treiben können. Über große Dinge, die einfach zum alltäglichen Dasein dazu gehören und die Beachtung finden sollten, um nicht in der Versenkung der Unwichtigkeit zu landen. Dies ist ein persönliches Sammelsurium der Kostbarkeiten, die einen unweigerlich begleiten und die einem tagtäglich vor die Füße fallen.

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