Du hast mir ’nen Strandkorb versprochen

Letzte Woche ging es los; eigentlich zum Lunch verabredet, Geburtstags- Nachhol- Essen und eigentlich aber auch einfach mal wieder sehen unter Freundinnen, nach corona- und beruflich bedingter Langzeitabstinenz kommt urplötzlich der Vorschlag anstelle dessen abends ins Open Air Theater zu Shakespeares Othello zu gehen. Ich verweise auf den ursprünglichen Plan mit späterer Erklärung, warum das für mich nicht so in Frage kommt und dem wird zugestimmt. Also treffen wir uns, vergessen wegen Dauerquatscherei und dem gegenseitigen Updates unserer beider Leben komplett die Zeit und stellen nach ein Ewigkeit fest, dass es Zeit ist, langsam nach Hause zu fahren. Zum Schluss fällt mir noch ein, dass ich eine Erklärung schulde und tue diese Kund- Othello geht seit Schulzeiten gar nicht- einem Trauma gleich ist diese Geschichte des guten alten Shakespeares für mich, verursacht durch meine tyrannisch anmutende Englisch- Leistungskurs Lehrerin, für die ich- ich schwöre- bis heute ( so sie noch lebt) nicht bremsen würde. Da mir Verständnis entgegen kommt, beschließen wir feierlich uns ein anderes Stück des Altmeisters anzugucken und die nächsten Wochenenden ins Auge zu fassen. Schwupps, kommt am Montag gleich die Anfrage, was denn mit nächstem Freitag wäre, so wir keinen Stellplatz für’s WoMo finden, da- schlimm genug- nach all dem Updaten dieses Jahr, Walter betreffend, wir tatsächlich noch nicht on the Road waren und es natürlich auch das besagte Wochenende wegen Sommerferien- Camper- Wahn wieder nicht geklappt hat. (Offtopic: bin froh, dass wir zu unserem nächsten Urlaub Anfang September was gefunden haben, aber da haben wohl aber auch nur noch drei Bundesländer Ferien) Ich sage also zu, erstmal, checke dann nebenbei die Wetterprognose für besagten Tag und stelle fest, dass Dauerregen angesagt ist, schaue mir dann aber sogleich auch die Location an und denke mir so: ganz nett, diese “ Nester“ , die zur engsten Auswahl bezüglich der Plätze stehen- strandkorbähnlich, Nester halt. Verweise auf das darauffolgende Wochenende und bekomme nur die Info, dass ausser diesem Samstag nur so‘ ne Schlechtwetterfront zu erwarten ist. Was soll’s- frei nach dem Motto: es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung, hab ich zugesagt: Attacke! Buch es einfach!

Ich muss dazu sagen, dass wir zwei bei allem bislang Erlebten immer Ausnahmesituationen hatten, bzw. die meteorologischen Bedingungen nie die besten waren. So haben wir 2 Jahre hintereinander auf dem Hurricane Festival nie unser Zelt aufbauen können, da unwettergleiche Regengüsse dies jedesmal erfolgreich verhindert haben. Auto geht halt auch, würden wir so wahrscheinlich nie wieder überstehen, damals ging alles. Und so treffen wir uns bei ihr um später dann -kulturfanatisch wie wir sind-  Shakespeares “ Was ihr wollt“ Open Air zu genießen, haben ja schließlich ein Nest; für alles andere gibt es Schirme und Ganzkörperponchos, Standartartikel mittlerweile. Jippieh! Kurz vorm Losgehen ertönt ein Donnern…der Himmel sieht auch so aus, als könne er mit seinem wolkenverhangendem Dasein nicht mehr warten, seine schwere Regenlast  zu entladen- egal, los geht’s- außerdem sieht es in Richtung Ziel viel freundlicher aus. Kurz nochmal alle vorhandenen Wetterapps checken und die Extraladung Optimus in die Hosentasche gedrückt hab ich nur Hamlet im Kopf: something’s rotten in Lichterfelde…

Der Himmel hat sich leider keinen Aufschub gegönnt und war uns nicht hold; bei Ankunft gibt er ein Wahnsinnsspektakel ab und zeigt was möglich ist, wenn man sein Platzen nicht mehr zurück halten kann und einfach platzt. Wir retten uns unter die einzige Markise weit und breit, glücklicherweise die der Bar und ordern erstmal Rotwein (hab ich ewig nicht getrunken und deswegen ist mir unfassbar schnell sehr warm unter meinem Poncho- nicht dass die Temperatur stark gesunken wäre- aber es ist muckelig, so überdacht und nicht fluchtartig rum zu rennen, sondern angekommen zu sein) und stellen schnell fest, dass der Zutritt noch verwährt wird, da fleißig mit Schrubbern die Bühne getrocknet wird. Auf die Frage, ob überhaupt eine Aufführung statt findet, bekommen wir erstaunlich schnell die Antwort, dass alles außer Starkregen zum geplanten Auftritt führt. Offenbar ist Starkregen relativ, bzw. Auslegungssache, denn für unsere Verhältnisse regnet es schon recht stark. Die Frage nach der Spieldauer lockt ein kurz aufflammendes Entsetzen in unsere Gesichter: naja, auf jeden Fall bis 22:45…na klar, ist ja schließlich Shakespeare, das dauert halt…nur unter diesen Umständen echt ’ne Herausforderung! Das absolute Highlight ist allerdings der Blick durch den Zaun auf die Bühne, nebst Bestuhlung: verzweifelt versuche ich etwas Positives zu entdecken- vergebens. Es stehen zur Auswahl rote Plastikstühle (nicht abgedeckt) und Pakete, die mit handelsüblichen Müllsäcken abgedeckt im vorgeschriebenen Abstand lose vor der Bühne stehen- keine Nester in Sicht; nichts was auf muckelige Sitzgelegenheit schließt. Damn! Wir werden hinein gelassen und zum „Nest Nr.5“ geleitet; meine Freundin sieht dem Entkleiden unserer immerhin gepolsterten Stühle zu, wir setzen uns und sie sagt: Du hast mir einen Strandkorb versprochen! Ich kann dazu nicht wirklich etwas sagen, denn online sahen diese Plätze halt wie solche aus- aber sie hat diese ja gebucht, ich fühle mich trotzdem schuldig!

Es geht los und siehe da, nach 20-30 Minuten brauchen wir schon gar keinen Schutz mehr gegen das Wasser von oben- yeah! Irgendwie kann man sich auch plötzlich komplett auf das Dargebotene einlassen, hat ja auch was- wobei das gesamte Drumherum und die Organisation der Menschen mit der Situation an ihren Plätzen mir fast schon als freitagabendliche Veranstaltung gereicht hätte- ist ein wirklich gutes Stück und dabei seine Zuschauerschaft zurück zu gewinnen auch erfolgreich. Es zieht sich dann doch, so wie alle Stücke von ihm es irgendwann tun und dann ist nach 2 (!) Stunden endlich Pause, sogar trocken. Warum auch immer wir uns während dessen keine Nikotinzufuhr gegönnt haben- schließlich draußen- jetzt wird alles nachgeholt, auch die Rotweingläser werden erneut befüllt und man wappnet sich gegen die aufsteigende Kälte. Startklar für die zweite Hälfte, glücklicherweise nicht wirklich, geht auch das Geplätscher wieder los, so doll, dass wir sogar gefragt werden, ob nicht doch unter der S- Bahn- Unterführung weiter gespielt werden soll: wäre unser absolutes Highlight gewesen, alleine der Akkustik wegen, wurde aber vom all zu braven Publikum negiert und weiter ging die Show. Wir tuscheln derweil schon mehr, da die Darsteller unfassbar gegen den Geräuschpegel anschreien, wir trotzdem nicht alles mitbekommen und deswegen – wie zu Schulzeiten- Ablenkung suchen und auch echt einen Spruch nach dem anderen raus hauen, weil die Situation so absurd ist, dass es fast surreal wirkt. Als meine Freundin dann noch furztrocken sagt: „Schirme sind schon ’ne echt geile Erfindung“, kann ich nicht mehr und muss mich von umliegenden Superfans belehren lassen, dass ich doch bitte ruhig zu sein habe. Ich ersticke meinen inneren Clown mit Rotwein und beuge mich der kulturellen Obliegenheit. Irgendwie ist das Stück dann zu Ende, Durchhalten war die Devise- selbstverständlich hat es Spaß gemacht- aber nicht unglücklich darüber geben wir Applaus- konnte selber nicht klatschen, da ich die Schirmhalterin war- und bejubeln ernst gemeint auch die Leistung, bei dem Wetter- ohne Hinfallen- dies durchgeführt zu haben. Bemerkenswert war zuletzt, dass auch wir mit den Worten “ Das ist mal ein Publikum“ gewürdigt wurden und uns selbst für’s Durchhalten gefeiert haben.

Ins Trockene rennend und endlich im Auto angekommen, unserem wohlverdienten Nest an diesem Abend, versuchen wir beide in der Melodie von Nina Hagen’s Farbfilm “ Du hast mir ’nen Strandkorb versprochen“ zu singen… schön, dass alles immer so besonders ist mit dir! Selbst Shakespeare haut mir ’ne dicke, fette Kerbe in unsere gemeinsamen Erlebnisse! Danke dafür und: Samstage sind für Weicheier!

Veröffentlicht von stefkasays

Ich wollte schon immer schreiben. Über die kleinen Dinge im Leben, die einen manchmal an den Rand des Wahnsinns treiben können. Über große Dinge, die einfach zum alltäglichen Dasein dazu gehören und die Beachtung finden sollten, um nicht in der Versenkung der Unwichtigkeit zu landen. Dies ist ein persönliches Sammelsurium der Kostbarkeiten, die einen unweigerlich begleiten und die einem tagtäglich vor die Füße fallen.

Hinterlasse einen Kommentar