Denkanstöße, zu Hauf

Ich habe heute in meinem Facebook- Account eine Erinnerung an eine Veranstaltung erhalten, 30 Minuten, bevor diese gestartet ist, weil ich
„interessiert mich“ angeklickt habe. Hat es ja auch. Es ist in real- time aktuell 20:31 Uhr und ich habe mir tatsächlich diesen wunderbaren, von einer Schulfreundin und zudem höchst begabten Schriftstellerin, Bloggerin und Podcasterin, Live- Stream in Form einer kleinen Mini- Salonage , ein Who- is- who handverlesener Wortakrobaten , erlesene Kurzbeiträge aus Lyrik, Prosa und Musik, angeschaut und bin- nach kurzzeitlicher Panik, da ich die Zoom- App noch nicht herunter geladen hatte und danach unsicherer Handhabung, ob Kamera an oder nicht- aufgrund der Optik, die auch der restlichen Hörerschaft nicht unverborgen bleibt- auf unsichtbar geschaltet und einfach nur insgesamt vier Beiträgen gespannt gelauscht und mich an Themen berauscht, die ich selbst schon versucht habe in Worte zu fassen aber mich nie getraut habe (da irgendwie tabulös behaftet) und jetzt wiederum darüber nachdenke, da ich soeben meinen Meistern virtuell begegnet bin. Ich fühle mich teilweise an düsterste Songs oder Lyrik meiner Jugend erinnert und bis heute hat sich bis gerade eben nichts geändert: diese unfassbare Dankbarkeit, dass es wirklich Menschen gibt, die diese „ohne- Worte- Gefühle“ in Worte fassen können; so unglaublich schön, dass es einem nur die Tränen in die Augen treibt; sei es aus Gründen der Thematik selbst oder aber weil man glücklich ist, dass endlich jemand seine unbeschreibliche Gelähmtheit durch Trauer oder Verzweiflung in Worte gefasst hat, so dass es für einen balsamgleich die puzzlegleich zerstörte Seele wieder zusammen setzt

Es geht um Verluste, die jeder in seinem Leben (wahrscheinlich) erlebt hat; durch schwere Krankheit, Suizid eines geliebten Menschen, Bekannten, oder einfach nur, dass man dies mitbekommen hat, dass einem Freund oder Bekannten so etwas widerfahren ist und man sich einer Ohnmacht gegenüber stehen sieht, die tatsächlich nicht nach Lehrbuch gemeistert werden kann, bzw. es keinerlei Regeln gibt, die man befolgen kann, um der Situation Abhilfe zu schaffen.

Ich denke als allererstes an meinen damals besten Freund, der – nicht nur gefühlt- von jetzt auf gleich tatsächlich einfach nicht mehr unter uns war. Neun Monate, ohne Vorwarnung oder Anzeichen, löschen ein erfülltes Leben aus, wie es damals die Rückseite auf Stiften gab, die vorab Geschriebenes in Nullkommanichts für immer ausradierten- nur ohne jemals wieder überschrieben werden zu können- einfach so. Es hat mich zum ersten Mal so krass erwischt in meiner sonst so unbekümmerten Art und hat nicht nur etwas in mir zerstört. Es ging ein komplettes soziales Netzwerk zu Grunde und dies ist bisher noch nicht wieder verheilt. Mit dieser Trauer umzugehen alleine ist ein unberechenbares wildes Tier, denn es passiert unvorhersehbar- eventuell für andere unpassend- aber so ist es eben: nicht umsonst wird ja hier auch von – Gefühlsausbruch gesprochen.

Man ist einfach auf sich alleine gestellt mit seiner Angst/ Wut/ Unsicherheit und Verzweiflung; nackt und ungeschützt und eigentlich doch nur einer unter vielen, denn es geht letztendlich jedem so, man spricht halt einfach nicht so gerne und öffentlich darüber.

Es ist 2005. Vorher hat man zahlreiche Verluste mitgemacht, getröstet und war auch immer bewegt, bis einem ein Mensch genommen wird, bei dessen Scheiden ein Teil des Herzens heraus gerissen wird und man vorübergehend wie in Trance weiter lebt und den tatsächlichen Sinn des Lebens in Frage stellt.

Viele sind seither gegangen, es werden stetig mehr. Über den plötzlichen Tod meines Vaters kann ich bis heute nicht gut reden, geschweige denn, dass ich es in Worte fassen könnte; ich bin leider eh nicht die Beste, wenn es um Gefühle geht. Er fehlt mir, oft.

Das Thema der dritten Laudatorin war Suizid; gepackt in eine Geschichte, die anfänglich gar nicht ahnen lässt, wodurch der Verlust entstanden ist- auf eine Art und Weise umschrieben, die etwas ganz besonderes an sich hatte- nebst dem Verlust auch die Darstellung der Hinterbliebenen sehr einfühlsam in Worte gefasst; diese Leere, den Alltag zu meistern und doch wissend, dass niemals nie irgendetwas wie bevor sein wird/ ist/ werden wird. Schlimm. Auch dies ist im engen Kreis so geschehen. Vier Monate vorher noch euphorisch über unseren Wohnmobil- Spleen auf ner 80er- Jahre- Party ausgelassen ausgetauscht und Erfahrungen geteilt und plötzlich gibt die Information über sein gewähltes Ableben, auf meiner als Party geplanten Geburtstag, eine düstere Wende, ein Schatten legt sich über alle Anwesenden, nicht nachvollziehbar der Entschluss des für immer Gehen wollens und auch Vollbringens.

Ich habe diesem Thema längere Zeit kein Verständnis abgewinnen können; wenn man aus gesundheitlichen Gründen 1,2 Mal oben angeklopft hat (nicht, dass ich an Himmel oder Hölle glaube, aber es ist bildlich ganz gut darstellbar- und jeder versteht, was ich meine), der Platz an der Pforte aber aus irgendeinem Grund nicht besetzt war und man deshalb wieder zurück durfte, um weiter zu machen und zu leben, war mein Horizont offenbar zu Ende, bei der Vorstellung, dass es etwas gibt, was so schlimm ist, dass es etwas so ( unheilbar) Schlimmes gibt, dass einem den Wunsch einpflanzt, dies zu beenden. Ich konnte es einfach nicht begreifen, es war mir so fremd und zugleich extrem angsteinflössend, dass ich es nicht fassen konnte. Es fällt mir immer noch schwer.

Schlimm ist, dass man sich unweigerlich als erstes um die Hinterbliebenen sorgt- nicht falsch verstehen, das ist nur allzu normal, denke ich- als zu hinterfragen, ob man nicht hätte was erahnen müssen oder es direkte Anzeichen gegeben hat, die man einfach nur übersehen hat oder nicht deuten konnte. In diesem Fall sind wir bis heute unwissend, ohnmächtig und der ein oder andere schiebt sich selbst eine gewisse Schuld durch “ Signale falsch verstanden “ zu haben in die Schuhe. Nackt, starr vor Trauer, kann ein solcher Gedanke durchaus gedacht werden. Man sollte darüber reden, sonst geht man vor die Hunde; es darf kein Tabu oder gesellschaftliches Randthema mehr sein.

Aktuell freue ich mich wie Weihnachten/ Geburtstag und alle anderen Feiertage zusammen, dass mein Bruder im Herzen, den ich nie hatte und den ich über alles liebe, es überstanden hat, dieses übel unwillkürlich zubeissende Schalentier, welches meinte auch ihn uns und der Welt zu entreißen. Ich möchte eigentlich gerne häufiger darüber sprechen, was es mit mir macht und wie krank vor Sorge ich bin, aber ich mache es nur jetzt in diesem Moment. Sonst ist es eher eine Sache, die im Verborgenen, mit sich selbst ausgemacht wird; nackt und ungeschützt, immer mit der Hoffnung, dass alles wieder gut wird und einem aus der Ohnmacht geholfen wird. Wie egoistisch ich doch bin…in dem Fall offenbar ja. Ich kann nicht anders. Es tut mir Leid.

Veröffentlicht von stefkasays

Ich wollte schon immer schreiben. Über die kleinen Dinge im Leben, die einen manchmal an den Rand des Wahnsinns treiben können. Über große Dinge, die einfach zum alltäglichen Dasein dazu gehören und die Beachtung finden sollten, um nicht in der Versenkung der Unwichtigkeit zu landen. Dies ist ein persönliches Sammelsurium der Kostbarkeiten, die einen unweigerlich begleiten und die einem tagtäglich vor die Füße fallen.

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