Geruchs- Memory: Erinnerungen für die Ewigkeit

Es ist schon eigenartig wie man auf Themen kommt. Offenbar gibt es Situationen, die als persönlicher Trigger fungieren und deshalb- situativ verursacht- schwirrt einem eine Erinnerung, eine uralte, fast in Vergessenheit geratene Situation im Kopf herum, die dort bis dato auf ihren Abruf gewartet hat und eigentlich ( vielleicht schon immer) mit dem imaginären Fuß scharrend, auf ihren Einsatz lauerte. So ist es erst neulich passiert, dass ich beim Kauf meines letzten Winter- Scheibenspritzwassers ( egal, wie lange ich über diesen vermeintlichen Fach-Termini nachdenke, ich komme nicht darauf, wie sie „offiziell“ heißt, diese Flüssigkeit, die mir freie Sicht während der Autofahrt verschafft) eine Duftnote namens Winterfresh erworben habe. Komischerweise war nach Auffüllung erst ein paar Tage später der Praxisbedarf am Start und nach langem Pssspsss auf die Frontscheibe schiesst mir beim Erreichen meiner Geruchsknospen ad hoc ein Kindheitserinnerungs- deja- vu- Bild in den Kopf und ich bin komplett geflashed, dass so ein Geruch so etwas in mir auslöst. Es riecht so, wie die Bonbons, die damals in transparent-/ hellblaues Papier eingerollt waren- evtl. Gletschereis hießen ( wobei hier schon familiäres Dementi kam, denn diese Sorte hat zwar so gerochen und geschmeckt, allerdings war die Verpackung quadratisch und dunkelblau verpackt und es war ein Eisbär drauf) irgendwas mit “ Eis“ war es auf jeden Fall, so viel ist klar.

Ich gehe noch weiter in der Erinnerung dieser Bonbons, denn je nach Temperatur hatte man echt Mühe das Papier in einem Stück abzuwickeln; meist war alles so klebrig, dass man einzelne Plastikfetzen am Finger zu hängen hatte und es quasi einem Sieg gleich kam, das Bonbon tatsächlich irgendwann oral aufnehmen zu können. Man, was für ein kindheitliches Erlebnis so ein banales Utensil für’s Auto in einem hervor ruft! Geruch= Geschmack…in diesem Fall unabdingbar miteinander gekoppelt.

Es gibt zudem – natürlich- Düfte/ Gerüche aus der Natur, die einen immer wieder an einen Punkt zurück holen, den man – meistens- vor langer Zeit erlebt/ erfahren/ erobert hat. In den letzten Wochen erst, meteorologisch gesehen einer der schlechtesten Frühlingsanfänge seit langem, bin ich wieder Richtung Sachsen unterwegs. Links und rechts sonnengelbe Rapsfelder, die mich (jedes Jahr) geradezu auffordern mein Dach zu öffnen, bzw. meine Fenster runter zu lassen, um dem süßlichen Duft des Frühlings festlichen Einzug in meine Nase zu zelebrieren. Raps, gefolgt von Fliederbüschen sind seit meiner Kindheit Botschafter des bevorstehenden Sommers, Wegbereiter und Paten des Geruchs, der die vermeintlich schönste Zeit des Jahres einleiten und dich gefühlsmäßig um Lichtjahre Richtung Bestlaune katapultieren! Mai ist – ach nee…nicht umsonst wohl der Wonnemonat…wer hätt’s gedacht?!! ❤️

Als nächstes- um dann doch gleich absehbar zum Punkt zu kommen- fällt mir der Geruch des ungefilterten Großstadtlebens, sternenklar, nach dem ersten Schneefall, ein. Unbeschreiblich diese Luft. Fast unwirklich kommt es einem vor, denn man kennt es sonst nur aus Urlauben zwecks Skifahren, also Österreich oder Italien, diese klare und gar nicht zu einer Großstadt passenden Bergluft gleichenden puren Qualität. Man muss auch Glück haben, um dies genießen zu können, denn dies qualitative Gut ist nach kürzester Zeit wieder vorbei, zumindest in Berlin. Aber auch dieser Duft ( und die meisten von euch werden es natürlich aus der Kindheit – selbst in Berlin- in Erinnerung haben) ist ein Geruch, der einzigartig ist und einem für immer begleitet- zumindest nie vergessen ist/ wird.

Nun denn, letzten Freitag fahre ich mit meiner Schwester nach NRW, es gibt wahrlich schönere Anlässe, um die Familie zu treffen als diesen, denn wir werden unsere Oma feierlich auf die ewig andauernde Reise schicken, schöne Pfingsten. Ich unterhalte mich über vorher Geschriebenes und der Tatsache, dass ich persönlich hoffe, dass es im Haus meiner Familie, meiner Großeltern, zum Schluss meiner Oma, noch nach ihr riecht. Ich habe diesen Geruch verinnerlicht, den ich auf immer und ewig mit ihr verbinden werde, der seit Kindheitstagen gleich war. Nicht ein „alte- Leute- riechen so- typisches“, sondern meine unfassbar kreative, einzigartige und tougheste „Pippi Langstrumpf- like“ Oma- riecht- so- Duft. Unvergleichlich, so wie sie selbst. Wir kommen an, es ist früher Abend. Meine Tante und meine Mutter sind nicht die- selbstverständlich nicht, denn es ist ihre Mutter, die morgen im größeren Kreis zu Grabe getragen wird- die, wie sie sonst sind.

Es riecht leider gar nicht mehr nach Oma; dafür ist wahrscheinlich auch schon zu viel geändert, entwendet und gelüftet worden. So selten wie man sich aufgrund der immensen Entfernung der Wohnorte überhaupt nur noch sieht, desto schöner ist- trotz des traurigen Anlasses- dass wir nun endlich wieder zusammen sind. Familie über alles!!!

Der Beerdigungstag ist da, es regnet wie aus Eimern die ganze Zeit, dass es selbst Oma’s Wunsch nicht sein kann, denn sie liebte die Sonne, außer es ging um die Zucht ihres Rosengartens. Die Familie sammelt sich nach der Beisetzung in Omas Haus, um – wie üblich- über dies und das, lustige, weniger lustige und ganz anders geartete Dinge aus unserer aller Leben und Erlebnissen mit ihr zu reden und den Schmerz über all dem zu vergessen.

Meine Schwester bringt die Schirme zum Trocknen in die Waschküche und kurz darauf ruft sie nach mir. Laut, so laut, dass ich es sogar, nebst dem oben stattfindenen Trubel, mit bekomme. Ich steige die ultra steile Kellertreppe herunter- und bevor meine Schwester etwas sagen kann- rieche ich es. Sie sagt, völlig glücklich zu mir- wie gesagt, ich habe es schon beim herunter laufen bemerkt- riech mal, es riecht hier tatsächlich noch nach Oma! Ich bin innerlich vor Freude und innerem Geruchs- Memory total gerührt, dass sie es auch gerochen hat und ich umarme sie innig…. denn wir haben noch das gefunden, was wir uns erhofft haben: einen letzten tiefen Zug dieses unvergesslichen Menschen in uns auf zu nehmen (ohne Worte, oder besser gesagt: es gibt nicht genug Worte für die Bedeutung dieses Menschen in unserem Leben!) um sich auch in Jahren noch an dieses “ Zuhause- für- immer- Gefühl“ zu erinnern.

Für immer in meinem/ unserem Herzen, Käthe; Mutter und Oma aus Leidenschaft und stärkste Frau auf diesem Planeten. Frauenrechte kanntest du nicht, du hast sie selbst geschaffen! ❤️

Veröffentlicht von stefkasays

Ich wollte schon immer schreiben. Über die kleinen Dinge im Leben, die einen manchmal an den Rand des Wahnsinns treiben können. Über große Dinge, die einfach zum alltäglichen Dasein dazu gehören und die Beachtung finden sollten, um nicht in der Versenkung der Unwichtigkeit zu landen. Dies ist ein persönliches Sammelsurium der Kostbarkeiten, die einen unweigerlich begleiten und die einem tagtäglich vor die Füße fallen.

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