Die totale Entspannung

Seit letztem November erfahre und lerne ich wie man sich entspannt, gezielt und kontrolliert. Im Zuge des Burnouts bin ich an eine Neurofeedback- Therapeutin verwiesen worden, eine Thematik, mit der ich mich im Leben noch nicht beschäftigt habe und auch die Recherche der empfohlenen Praxis hat anfangs nicht zur erhofften Aufklärung bei getragen. Umso verblüffter war ich bei meinem ersten Kennenlernen: die erste Frage, ob ich denn überhaupt wisse, um was es sich hierbei handelt (wahrscheinlich eine rhetorische Frage, die ihr bestimmt jedes Mal eine Heidenfreude bereitet ) und die ich natürlich verneinen musste, war aber nur Anregung an mich, ihr mitzuteilen, was ich mir hiervon verspreche. Ein wenig muss ich ausholen. Denn nach unserer WhatsApp Terminierung des o. a. Erstgesprächs schlug sie mir den Mittwoch vor, da der Klient, der diesen Termin ansonsten hatte, gerade in die Psychiatrie eingewiesen wurde. Aber nicht ihretwegen betonte sie im Nachsatz. Ich fand das puppenlustig und irgendwie auch vertrauenswürdig. Deswegen war meine Antwort auf ihre „sag mal, was sie sich vorstellen“ – Frage folgende: Eigentlich so eine Art Anger Management, wie beim Film “ Die Wutprobe“ . Ein Erlernen also , mit akuten Stresssituationen im Alltag um zu gehen. Freudiges Grinsen im Gesicht der Therapeutin. Ich denke: cool! Warum auch immer meine Orthopädin genau dies alles anhand meiner Rückenschmerzen in mir gelesen hatte, war ich wirklich happy hier und jetzt bei dieser Frau zu sitzen und für alles, was später in meinem Leben noch kommen sollte eine Lösung parat zu haben. Nach ein paar Fragen über meine Person inkl. Privat-, Familien- und Berufsleben war dann der Moment gekommen, wo es zur Praxis über ging. Ich bekomme eine Kabellage auf den Kopf gesetzt und irgendwas wird mit Ohrläppchen, Stirn und der Mitte des Kopfes verbunden. Mir schiesst sofort ein Bild in den Kopf und so frage ich auch, ob ich jetzt noch was in die Augen bekomme, um diese nicht schließen zu können, wie bei Clockwork Orange, denn ich bin natürlich ein bisschen nervös und fühle mich gerade seltsam. Sie grinst und auch das finde ich schon wieder cool. Aber alles easy. Mein Auftrag lautet wie folgt: meine Hirnströme werden gemessen und anhand dieser Daten wird in der ersten Sitzung dann mein Ziel definiert. Ich erfahre, dass ich ziemlich normal bin, was mich tatsächlich freut, obwohl ich auch eigentlich nichts anderes erwartet habe. Allerdings bin ich offenbar nicht in der Lage zu entspannen. Aha. Hmm, aber gut. Dafür bin ich ja auch hier. Ich bin gespannt auf das, was kommt. Wir rauchen noch eine Zigarette zum Abschied (sie raucht genau wie ich wirklich gerne) und wir vereinbaren, dass ich ab der nächsten Woche durch starte.

Es ist der besagte Mittwoch und ich bin echt gespannt, was so passieren wird. Elektrokabellage wieder aufgeschnallt und los geht’s. Durch Entspannung soll ich eine Bildanimation am Laufen halten, das Lied, welches dabei läuft, darf auch nicht stoppen. Ambitioniertes Unterfangen! Klappt allerdings doch recht gut, denke ich und bin persönlich mit meiner abgelieferten Leistung zufrieden. Ich bekomme tatsächlich Bestätigung, dass ich das für’s erste Mal gar nicht schlecht gemacht habe.

Und so fahre ich gut gelaunt wieder nach Hause und fiebere dem Termin nächste Woche wahrlich schon entgegen. Ist es doch auch die erste wirkliche aktive Beschäftigung seit über 2 Monaten!

Woche um Woche vergeht und ich bekomme das Musikstück zugeschickt, um auch privat bis zu 3x täglich bewusst zu entspannen. Das klappt auch ganz gut, bin ich doch aktuell eh in einer Bewusstwerdens- Phase und so vergeht dann trotz Wiedereingliederungsmonat das verbleibende Jahr recht schnell.

Wir dutzen und mittlerweile und sind in vielen Belangen einer Meinung, obwohl unsere beider Leben nicht unterschiedlicher sein könnten!

Zeitsprung auf Mitte Februar. Ich bin seit Anfang des Jahres wieder normal am Arbeiten und muss mich partiell schon zwingen mein Ziel von 2-3x täglich überhaupt durch zu führen.

Ich bin auf dem Heimweg, war Einkaufen und fahre die nur für ein Auto gedachte Jägerstraße Richtung Feierabend, als eine ältere Dame beschließt, ihren Kleinstwagen durch Abbiegen, in die sehr enge Stelle zu bugsieren. Die, wo auf der rechten Seite Motorräder parken und ich urplötzlich nur noch an Schadensbegrenzung arbeite.

Als wir, ich mittlerweile echt am Randes des Nervenzusammenbruchs durch Manövrieren meines Wagens durch die Herausforderung des gegebenen Umstands, auf Augenhöhe sind, lässt sie ihr Fenster runter und ruft : Na, das Auto ist vielleicht doch ne Nummer zu groß für sie!

Kurze Pause. Ich muss mich sammeln, spritze mich innerlich akut runter und reagiere unglaublich vernünftig, indem ich einfach einen letzten Schlenker riskiere und mich aus der Hölle befreie.

Eine Straßenecke weiter krame ich mein Handy heraus, schließe meine Augen und höre diesen wunderbaren Song in voller Lautstärke und freue mich, dass er seine Wirkung tut!

An der totalen Entspannung muss ich noch arbeiten, aber ich bin auf einem verdammt guten Weg!

Veröffentlicht von stefkasays

Ich wollte schon immer schreiben. Über die kleinen Dinge im Leben, die einen manchmal an den Rand des Wahnsinns treiben können. Über große Dinge, die einfach zum alltäglichen Dasein dazu gehören und die Beachtung finden sollten, um nicht in der Versenkung der Unwichtigkeit zu landen. Dies ist ein persönliches Sammelsurium der Kostbarkeiten, die einen unweigerlich begleiten und die einem tagtäglich vor die Füße fallen.

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